Warum du bei jeder Renovierung deine Sicherheitsausrüstung nicht ignorieren darfst
Ein kaputter Putz, alte Farbe, ein verrostetes Rohr - Renovierungen im Wohnhaus klingen oft nach kleinen, überschaubaren Aufgaben. Doch hinter jeder Bohrung, jedem Abkratzen und jedem Staubwolken entstehenden Sägen verbirgt sich ein Risiko, das viele Heimwerker unterschätzen. In Österreich und Deutschland passieren jährlich Tausende Unfälle bei Eigenleistungen - und fast die Hälfte davon wäre mit der richtigen Ausrüstung vermeidbar. Laut dem Österreichischen Versicherungsverband sind 42 % aller Unfälle während Wohnhausrenovierungen auf fehlende oder unzureichende Schutzausrüstung zurückzuführen. Das ist kein Zufall. Es ist ein Muster.
Du denkst, du bist ein erfahrener Heimwerker? Du hast schon oft ohne Helm und Maske gearbeitet? Dann hör dir das an: 68 % aller Unfälle bei Eigenleistungen passieren genau bei Leuten wie dir. Die meisten glauben, dass Sicherheit nur bei großen Baustellen wichtig ist. Aber in einem 50 Jahre alten Haus lauern andere Gefahren als auf einer Neubau-Platte. Asbest, bleihaltige Farben, feiner Staub aus Dämmmaterialien - das sind keine Theorien. Das sind echte Substanzen, die deine Lunge angreifen, wenn du sie nicht blockierst.
Die fünf unverzichtbaren Elemente deiner Sicherheitsausrüstung
Wenn du nur drei Dinge aus diesem Artikel mitnimmst, dann diese:
- Schutzhelm - Nicht nur für Dacharbeiten. Auch im Keller, wenn du an der Decke bohrst oder alte Putzreste abklopfst, kann ein losgerissener Stein oder ein Stück Holz vom Gerüst fallen. Ein Helm kostet unter 20 Euro. Ein Kopfverletzung kann dich monatelang lahmlegen.
- Sicherheitsschuhe - Keine Turnschuhe, keine alten Hausschuhe. Du brauchst Schuhe mit Stahlkappe und rutschfester Sohle. Laut einer Umfrage auf Baumarkt-Forum.de bewerten 78 % der Heimwerker Sicherheitsschuhe als die nützlichste Ausrüstung. Warum? Weil du auf Holzdielen, Nassboden oder Schotter stehst - und ein verpatzter Tritt reicht, um dich mit gebrochenem Fuß ins Krankenhaus zu bringen.
- Atemschutzmaske (FFP3) - Das ist der wichtigste Punkt, den fast alle ignorieren. Beim Entfernen von alten Tapeten, beim Sägen von Holz oder beim Entfernen von Dämmstoffen entsteht Feinstaub. In Häusern aus den 60er und 70er Jahren ist Asbest oft in Dämmplatten, Bodenfliesen oder Klebern enthalten. FFP2-Masken reichen nicht. Du brauchst FFP3. Die Maske filtert 99 % der Partikel. Ein Experte vom Institut für Bautechnik in Wien sagt: „Wer bei Renovierungen in Altbauten keine FFP3-Maske trägt, spielt mit seiner Gesundheit.“
- Gehörschutz - Bohrer, Stemmer, Sägen: Diese Geräte erzeugen über 90 Dezibel. Dauerhaft. Das ist so laut wie ein vorbeifahrender LKW. Gehörschutz ist nicht nur für Profis. Du brauchst ihn, wenn du länger als 15 Minuten mit einem Bohrer arbeitest. Einfache Schaumstoff-Ohrstöpsel kosten 2 Euro. Elektronische Gehörschutz-Modelle, die Umgebungsgeräusche durchlassen, aber laute Impulse dämpfen, gibt es ab 30 Euro.
- Schutzhandschuhe - Keine Küchenhandschuhe. Du brauchst stabile, langlebige Handschuhe aus Leder oder hochdichtem Kunststoff. Sie schützen vor scharfen Kanten, Splittern und Chemikalien. Beim Entfernen von alten Lacken oder beim Umgang mit Klebstoffen sind sie Pflicht. Ein einfacher Schnitt an der Hand kann sich schnell entzünden - und dann brauchst du nicht nur einen Verband, sondern Antibiotika.
Was du nicht brauchst - und warum
Nicht jede Ausrüstung ist für jede Arbeit nötig. Du musst nicht jeden Tag einen Ganzkörperanzug tragen, wenn du nur eine Wand streichst. Aber du musst wissen, wann du ihn brauchst.
Ein Schutzanzug ist nur bei Arbeiten mit Asbest oder stark kontaminierten Materialien nötig. Das bedeutet: Wenn du in einem Haus aus den 70er Jahren Dämmplatten entfernst, die nicht als „asbestfrei“ gekennzeichnet sind, dann solltest du einen Fachmann beauftragen. Ein Labortest kostet 180 bis 350 Euro - aber er verhindert, dass du dein Zuhause mit giftigem Staub kontaminierst. Und du vermeidest langfristige Gesundheitsschäden, die erst nach 20 Jahren sichtbar werden.
Brillen oder Gesichtsschutz? Nur bei Arbeiten mit hohem Spritz- oder Splatterrisiko nötig - zum Beispiel beim Entfernen von alten Fliesen mit einem Hammer und Meißel. Bei Tapezierarbeiten oder Malerarbeiten reicht ein einfacher Schutz vor Farbspritzern.
Die größte Falle: Selbstüberschätzung
Die meisten Unfälle passieren nicht, weil die Ausrüstung teuer ist. Sondern weil du denkst: „Ich schaffe das schon.“
Ein Nutzer auf Reddit schreibt: „Ich habe bei meiner Dachbodenausbildung wegen der niedrigen Decke auf den Helm verzichtet. Ein Ziegel ist mir auf den Kopf gefallen. Seitdem trage ich immer alles.“
Das ist kein Einzelfall. Die DGUV hat in ihrem Jahresbericht 2023 dokumentiert, dass 57 % aller Unfälle bei Renovierungen bei Menschen zwischen 45 und 60 Jahren passieren - also genau der Gruppe, die sich am meisten auf ihre Erfahrung verlässt. Sie haben schon viel gemacht. Sie glauben, sie wissen, was geht. Aber ein altes Haus ist kein Werkzeugkasten. Es ist ein Zeitkapsel voller verborgener Gefahren.
Und dann ist da noch der Komfort. Viele sagen: „Die Maske ist unangenehm.“ „Der Helm drückt.“ „Die Handschuhe sind zu dick.“ Ja, das stimmt. Aber du trägst sie nicht für den Komfort. Du trägst sie, damit du am Ende des Tages nicht im Krankenhaus liegst.
Was du vor dem ersten Schlag tun musst
Bevor du mit dem Bohren anfängst, mach das:
- Risikoanalyse - Gehe durch dein Haus. Wo stehst du? Was machst du? Welche Materialien liegen dort? Ist das Dach abgedichtet? Ist die Decke aus Holz oder Gipskarton? Ist der Boden aus Linoleum oder Fliesen? Diese Fragen bestimmen, welche Ausrüstung du brauchst.
- Strom abstellen - Bevor du in Wänden bohrst, schalte den Strom in der betroffenen Etage ab. Du weißt nicht, wo Leitungen verlaufen. Ein versehentlicher Kontakt kann tödlich sein.
- Belüftung prüfen - In geschlossenen Räumen sammelt sich Staub. Öffne Fenster. Nutze einen Lüfter, der den Staub nach draußen zieht. Ein einfacher Haushaltsventilator reicht, wenn er richtig platziert ist.
- Materialien sichern - Holz, Ziegel, Dämmplatten - alles, was du entfernst, muss sicher gelagert werden. Ein umstürzendes Regal kann dich erschlagen. Nutze stabile Kisten, nicht Kartons.
- Schulungsmaterial nutzen - Die DGUV bietet kostenlose PDFs und Videos an, wie du dich richtig schützt. 87 % der Nutzer auf Bauhelden.de sagen, dass diese Materialien hilfreich sind. Lade sie herunter. Lies sie. Es dauert drei bis fünf Stunden. Das ist die beste Investition, die du tust.
Warum du nicht auf „das reicht schon“ hoffen darfst
Der Markt für Sicherheitsausrüstung wächst. Im Jahr 2022 lag das Volumen in Deutschland bei 1,2 Milliarden Euro - und steigt jedes Jahr um 4,7 %. Warum? Weil immer mehr Menschen renovieren. Und weil immer mehr Menschen merken: Sicherheit ist kein Luxus. Sie ist die Grundlage.
Die OIB-Richtlinie 6 in Österreich, die seit 2021 gilt, verschärft die Anforderungen an Dämmung und Renovierung. Das bedeutet: Du arbeitest öfter in engen Räumen, mit mehr Materialien, die Staub produzieren. Die DGUV plant bis Ende 2024 eine neue Version der Bauarbeiten-Vorschrift - mit spezifischen Regeln für Wohnhausrenovierungen. Das heißt: Die Regeln werden strenger. Nicht weil die Behörden dich ärgern wollen. Sondern weil die Zahlen zeigen: Es muss sich ändern.
Die Unfallrate liegt bei 12,7 Unfällen pro 1.000 Renovierungsprojekte. Das klingt nach wenig. Aber das sind tausende Menschen - Väter, Mütter, Nachbarn - die jeden Tag in Gefahr sind. Du bist nicht unsichtbar. Du bist nicht unverwundbar. Du bist ein Mensch, der in einem Haus lebt. Und dieses Haus hat eine Geschichte. Und diese Geschichte kann dich verletzen, wenn du nicht aufpasst.
Was du heute tun kannst
Wenn du morgen mit der Renovierung beginnst, dann:
- Kauf dir einen Helm (mindestens 15 Euro).
- Investiere in zwei Paar Sicherheitsschuhe (eins für den Keller, eins für die Wohnung).
- Bestelle 10 FFP3-Masken - nicht die billigen aus dem Supermarkt, sondern zertifizierte.
- Leg dir ein Paar Gehörschutz-Ohrstöpsel zu - sie passen in jede Tasche.
- Und wenn du unsicher bist: Frag einen Fachmann. Einmal die Kosten für einen Asbesttest zahlen - und du weißt, ob du atmen kannst.
Du musst nicht perfekt sein. Du musst nur vernünftig sein. Dein Körper wird dir danken. Deine Familie wird dir danken. Und du wirst am Ende des Tages nicht mit Schmerzen, sondern mit Stolz ins Bett gehen - weil du gewusst hast: Ich habe alles getan, um sicher zu sein.