Wenn Sie morgens den Wasserhahn aufdrehen und braunen, trübe Wasserstrahl sehen, ist das kein Zufall. Es ist ein klares Signal: Ihre Wasserleitungen korrodieren. Und das ist kein Problem, das sich mit einem einfachen Spülen lösen lässt. In Deutschland gibt es Korrosion in Wasserleitungen - besonders in Altbauten - als systematisches, weit verbreitetes Risiko. Es betrifft nicht nur den Wasserdruck oder die Farbe des Wassers, sondern auch Ihre Gesundheit und den Wert Ihres Hauses.
Warum korrodieren Wasserleitungen eigentlich?
Korrosion ist kein Zufall, sondern eine chemische Reaktion. Metallische Rohre, besonders aus verzinktem Stahl oder Kupfer, reagieren mit dem Wasser, das durch sie fließt. Das Wasser ist kein reines H2O - es enthält Sauerstoff, Kohlensäure, Mineralien und manchmal auch Salze. Diese Stoffe lösen Elektronen aus dem Metall, und das führt dazu, dass sich Rost bildet oder das Metall sich langsam auflöst.Ein entscheidender Faktor ist die Wasserhärte. In Norddeutschland, wo das Wasser oft sehr weich ist (unter 8°dH), fehlt es an Kalk. Kalk bildet in härterem Wasser eine schützende Schicht an den Rohrwänden. Ohne diese Schicht greift das Wasser das Metall direkt an. In Süddeutschland dagegen, wo das Wasser hart ist (15-20°dH), ist Kalkablagerung das Hauptproblem - aber auch dort kann Korrosion auftreten, wenn das Wasser sauer ist oder die Rohre alt sind.
Ein weiterer Grund: die Kombination verschiedener Metalle. Wenn Kupferrohre direkt nach verzinkten Stahlrohren verbaut werden - ohne Übergangselement - entsteht eine galvanische Zelle. Das unedlere Metall (Eisen) gibt Elektronen ab, das edlere (Kupfer) nimmt sie auf. Das Wasser wirkt als Elektrolyt. Das Ergebnis? Das Eisenrohr rostet extrem schnell. Diese Regel, die sogenannte "Fließregel", wird oft missachtet - und führt zu teuren Schäden.
Was passiert, wenn die Leitungen korrodieren?
Die Folgen sind nicht nur unschön, sie sind gefährlich.Erstens: das Wasser verändert sich. Es wird bräunlich, trüb, hat einen metallischen Beigeschmack. Das ist nicht nur unangenehm - es ist ein Zeichen dafür, dass Eisen, Kupfer oder sogar Blei aus den Rohren ins Trinkwasser gelangen. Die Trinkwasserverordnung schreibt seit 2011 Grenzwerte vor: maximal 2,0 mg/l Kupfer und 0,01 mg/l Blei. In Gebäuden mit korrodierten Leitungen werden diese Werte regelmäßig überschritten.
Zweitens: Druckverlust und Leckagen. Rost frisst Löcher - nicht nur große, sondern mikroskopisch kleine. Das nennt man Lochfraß. Diese Löcher entstehen oft an Stellen, wo das Wasser stagniert, zum Beispiel nach längerer Abwesenheit oder bei zu großen Rohrdurchmessern. Die Folge: Wasser verliert Druck, die Waschmaschine füllt sich langsamer, die Dusche wird schwach.
Drittens: Mikrobielle Gefahr. Rost und Kalkablagerungen sind ein Paradies für Bakterien - besonders für Legionellen. Die Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) fand 2022 heraus, dass in 32 % der Gebäude mit korrodierten Leitungen die Grenzwerte für Legionellen überschritten wurden. Diese Bakterien können schwere Lungenentzündungen verursachen. Und das ist kein theoretisches Risiko - es passiert in Wohnhäusern, Altenheimen und sogar in Hotels.
Welche Materialien sind am anfälligsten?
Nicht alle Rohre sind gleich. Hier ist ein Überblick:- Verzinkte Stahlrohre: Die häufigste Ursache in Gebäuden, die vor 1990 gebaut wurden. Sie halten bei weichem Wasser nur 25-30 Jahre. Danach beginnt die Rostbildung.
- Kupferrohre: Haltbarer (40-50 Jahre), aber nur, wenn sie richtig installiert sind. In Kombination mit verzinktem Stahl rosten sie schneller - oft innerhalb von 10-15 Jahren.
- Aluminiumrohre: Selten, aber extrem anfällig. Bei Kontakt mit Eisen entsteht eine Spannung von über 1 Volt - das beschleunigt die Korrosion dramatisch.
- PEX und PVC-U: Kunststoffrohre. Sie korrodieren nicht. PEX (vernetztes Polyethylen) ist flexibel, leicht zu verlegen und hält über 50 Jahre. Sie sind die Lösung für Sanierungen - und die Zukunft.
Die Studien des Bauschadeninstituts zeigen: Mischinstallationen (Kupfer nach Stahl) reduzieren die Lebensdauer beider Materialien um bis zu 60 %. Das ist kein technischer Fehler - das ist ein Planungsfehler mit schwerwiegenden Folgen.
Wie erkennen Sie Korrosion?
Sie brauchen kein Labor, um erste Anzeichen zu erkennen:- Wasser ist morgens bräunlich oder trüb - wird nach 5-10 Minuten klar, wenn es läuft.
- Es schmeckt metallisch - besonders nach längerer Standzeit.
- Wasserdruck sinkt, besonders in der oberen Etage.
- Wasserhähne oder Duschköpfe verstopfen - nicht durch Kalk, sondern durch Rostpartikel.
- Es gibt dunkle Ablagerungen in der Kaffeemaschine oder im Wasserkocher.
Wenn Sie mehrere dieser Anzeichen haben, ist es Zeit für eine professionelle Prüfung. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) empfiehlt eine Trinkwasseruntersuchung durch ein akkreditiertes Labor. Die Kosten liegen bei 150-250 Euro - ein kleiner Preis gegen mögliche Gesundheitsrisiken und teure Rohrschäden.
Was tun bei Korrosion? Sanierung ist Pflicht - nicht Option
Es gibt keine Möglichkeit, Korrosion zu stoppen, ohne die Rohre auszutauschen. DVGW-Arbeitsblatt W 551 schreibt vor: Nur zertifizierte Fachleute dürfen an Trinkwasserinstallationen arbeiten. Das ist kein Luxus - das ist Gesetz.Die Sanierung eines Einfamilienhauses dauert durchschnittlich 5-7 Tage. Die Kosten liegen zwischen 8.000 und 15.000 Euro, je nach Material. Kupfer kostet etwa 12-15 € pro Meter, PEX nur 8-10 €. Und das ist kein Verlust - das ist eine Investition. Denn nach der Sanierung:
- Das Wasser ist klar und geschmacklos.
- Der Druck ist wieder da.
- Die Legionellen-Gefahr ist beseitigt.
- Die Lebensdauer der Leitung beträgt mindestens 50 Jahre.
Und es gibt einen weiteren Vorteil: PEX-Rohre sind flexibel. Sie können durch Wände und Decken gezogen werden - ohne große Baustelle. Das macht die Sanierung weniger störend und günstiger.
Was passiert, wenn Sie nichts tun?
Dann wird es teurer. Und gefährlicher.Der Sanierungsstau in Deutschland ist gigantisch: 2,3 Millionen Gebäude brauchen dringend neue Wasserleitungen. Das entspricht einem Schadensvolumen von 18 Milliarden Euro. Das Bundesministerium für Wohnen rechnet bis 2030 mit Kosten von 25 Milliarden Euro - wenn nichts passiert.
Und es wird nicht nur teurer - es wird ungesund. Die EU verschärft ab 2025 die Grenzwerte für Kupfer und Blei. Wer dann noch alte Leitungen hat, verletzt die Gesetze. Versicherungen zahlen Schäden durch Korrosion oft nicht - besonders wenn keine Wartung nachgewiesen werden kann.
Die meisten Hausbesitzer wissen: Ihr Haus ist ihr größter Vermögenswert. Aber sie unterschätzen, wie schnell eine alte Wasserleitung diesen Wert ruinieren kann. Ein Leck in der Wand, ein verstopfter Wasserhahn, ein Legionellen-Ausbruch - das sind keine "kleinen Probleme". Das sind Risiken, die man vermeiden kann.
Die Zukunft: Kunststoff ist die Lösung
Die Branche hat sich längst entschieden. Die DVGW hat 2023 ihre Empfehlungen aktualisiert - und empfiehlt jetzt explizit Kunststoffrohre für Sanierungen. Dr. Markus Richter vom DIN prognostiziert: Bis 2040 wird es keine metallischen Wasserleitungen mehr geben. Die Gründe? Kupfer wird teurer, Kunststoff ist langlebiger, sicherer und einfacher zu verlegen.Und es gibt neue Technologien: Das Fraunhofer-Institut testet Sensoren, die Korrosion in Echtzeit messen. Diese Sensoren senden Warnungen an Ihr Smartphone - bevor das Wasser braun wird. In der Zukunft wird es nicht mehr darum gehen, nachzusprühen - sondern vorzubeugen.
Was Sie jetzt tun können
1. Prüfen Sie Ihr Wasser: Machen Sie einen einfachen Test: Lassen Sie den Wasserhahn 1-2 Minuten laufen. Ist das Wasser immer noch trüb? Dann ist Korrosion wahrscheinlich. 2. Prüfen Sie die Rohre: Wo führt die Leitung hin? Sind es dunkle, rostige Rohre? Oder silberne Kupferrohre? Suchen Sie nach dem Übergang von Stahl zu Kupfer - das ist ein Risikopunkt. 3. Testen Sie das Wasser: Lassen Sie eine Trinkwasseranalyse durch ein akkreditiertes Labor machen. Kosten: 150-250 €. 4. Planen Sie die Sanierung: Wenn Sie älter als 25 Jahre sind - und Ihr Haus vor 1990 gebaut wurde - ist eine Sanierung nicht mehr optional. Warten Sie nicht auf ein Leck. Warten Sie nicht auf braunes Wasser. Handeln Sie, bevor es teuer wird.Die Zeit für Halbherzigkeiten ist vorbei. Korrosion in Wasserleitungen ist kein Problem, das man ignoriert. Es ist eine chemische Zeitbombe - und die einzige Lösung ist ein neues System. Und das ist keine Belastung - das ist eine Chance.